17.05.2026

Mario Delfino

Adoption, Entwurzelung, Einsamkeit, Missbrauch - Neustart

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An unserer Fachmittelschule mit den Schwerpunkten Pädagogik, Gesundheit und Soziale Arbeit geht es uns um mehr als fachliches Wissen. Die Jugendlichen sollen zu einfühlsamen, verantwortungsbewussten Menschen heranzuwachsen – und dazu gehören auch Begegnungen mit dem Leben selbst. Indem wir Menschen wie Mario Delfino einladen, ihre Geschichten zu teilen, geben wir unseren Lernenden die Chance, Empathie, Widerstandskraft und gesellschaftliche Verantwortung aus erster Hand zu erleben. Solche Momente hinterlassen Spuren: Sie zeigen, wie Vielfalt, Leid und Hoffnung das Leben prägen – und warum es wichtig ist, hinzuhören, zu verstehen und sich für andere einzusetzen.


Ein Leben zwischen Gewalt und Hoffnung

Mario Delfino wurde 1955 in Italien geboren. Seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte er in einem Waisenhaus in Bergamo, wo er eine liebevolle Bezugsperson fand. Doch sein Schicksal nahm eine dramatische Wende, als er von einem Schweizer Ehepaar adoptiert und nach Thalwil (ZH) mitgenommen wurde. Hier erlebte er keine Geborgenheit: Stattdessen war er oft eingesperrt und wurde geschlagen. Schliesslich brachte seine Adoptivmutter ihn in ein Kinderheim nach Altdorf (UR). Diese Zeit prägten vor allem religiöse Werte – Gewalt gehörte hier nicht dazu. Doch nach vier Jahren schickten die Menzinger Ordensschwestern ihn zurück zu seinen Adoptiveltern nach Thalwil.

Mit nur 12 Jahren beging Mario Delfino zusammen mit zwei Schulkollegen einen Diebstahl: Sie stahlen eine Geldkassette mit 40 000 Franken, schickten das Geld aber umgehend per Post an den Besitzer zurück. Trotz dieser Rückerstattung wurde Mario Delfino kurz darauf auf dem Schulhof verhaftet und in Handschellen abgeführt. Die nächsten vier Jahre verbrachte er in der «Erziehungsanstalt für Schwererziehbare» in Knutwil (LU). Das Heim wurde von deutschen Ordensbrüdern geleitet, die ihm und anderen Jungen extreme körperliche und sexuelle Gewalt antaten.

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Ein Neuanfang – und die erste Person, die zuhörte

1972, mit 16 Jahren, wurde Mario Delfino aus dem Heim entlassen. Doch seine Adoptivmutter weigerte sich, ihn wieder aufzunehmen, und rief die Polizei. Drei Wochen saß er in einer Arrestzelle in Horgen (ZH), bis der Jugendanwalt – derselbe, der ihn einst nach Knutwil eingewiesen hatte – eine erneute administrative Internierung anordnete. Doch dann trat eine Sozialarbeiterin in sein Leben. Zum ersten Mal erlebte Mario Delfino, dass sich jemand Zeit für ihn nahm und seiner Geschichte zuhörte. Sie nahm ihn bei sich auf und vermittelte ihm eine Arbeitsstelle.

Später zog er nach Zürich, wo er durch den Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber Halt fand. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Katharina Delfino arbeitete er 18 Jahre lang als Hauswart in einer Zürcher Schule. Heute ist er Vater von zwei erwachsenen Söhnen und engagiert sich als Mitglied im Projektteam «Gesichter der Erinnerung». Seine Geschichte ist ein Zeugnis von Widerstandskraft – und davon, wie ein einziges offenes Ohr ein Leben verändern kann.

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Weitere Informationen


Credits

  • Organisation, Planung, Realisierung: Tina Sarli, Leitung FMS
  • Bilder: Daniel Steiner
  • Text: Daniel Steiner
Autor: Daniel Steiner