Schülerinnen im Theresianum Ingenbohl

Schwester Gielia Degonda

Schon als kleines Mädchen erschreckte Schwester Gielia Degonda ihre Eltern mit ihren Kritzeleien in Telefonbüchern und an Hauswänden. Sie kann sich gut erinnern, wie sie Lust hatte, grosse und dicke, kurze und lange Linien sichtbar zu machen. Im Pfarrhaus wurde Sie getadelt, als sie einmal ein Ölbild abtastete, da ihr eine reliefartige Bildoberfläche interessant erschien – Sie war gerademal 5 Jahre alt.

Wofür sind Sie als ehemalige Lehrerin im Lehrerseminar des Theresianums besonders dankbar?

In der Lehrerseminar-Abteilung hatte ich junge Frauen vor mir, die bereits ein bestimmtes Berufsziel gewählt hatten. Besonders im Oberseminar wurde eine starke menschliche und mitmenschliche Entwicklung immer spürbarer. Mein Unterricht, durch ein Geben und Nehmen, wurde somit auch für meine eigene Entwicklung eine wichtige und freudige Etappe meines Lebens.

Wie war es Ihnen im Theri neben dem Unterrichten möglich, sich auch künstlerisch zu betätigen?

Zur Vorbereitung der Gestaltung der Unterrichtsfächer habe ich immer bewusst viel Zeit investiert. Die musischen Fächer sollten den Wichtigkeitsgrad der Hauptfächer haben, denn die angehenden Lehrerinnen sollten ihre Schüler auch im Bildhaften fördern können. Musische Fächer laufen nicht «linear» ab, darum ist auch die individuelle Führung notwendig. Mein Stundenplan war zeitlich blockartig organisiert. Nach dem Beenden der Unterrichtsstunden bereitete ich jeweils zuerst die Inhalte für die kommende Woche vor. So gewann ich Zeit für meine gestalterischen Aufgaben. Zum Beispiel standen die Projekte Aula- und Hallenbad-Wand fürs Theresianum ziemlich am Anfang meiner Aufträge – für mich war dies eine grosse, aber auch spannende Herausforderung.

Sie erschaffen eindrückliche Bilder und berühren die Betrachter auf verschiedenste Art und Weise. Woher holen Sie sich Ihre Inspiration?

Ich bin am jungen Rhein aufgewachsen und habe viel lieber mit Steinen als mit Puppen gespielt. In jedem Menschen ist die Phantasie unterschiedlich angelegt. Ein Stück weit kann man sich darin auch trainieren. Eine Grafik-Design-Aufgabe ist meistens durch bestimmte Inhalte vorgegeben und lässt sich primär vom Kopf her erfinden. Bildnerische Kunst aber ist für mich eine stille Geburt. Phasenweise übernimmt das Bild selber die Führung, das heisst das, was man sichtbar machen will, bleibt unsichtbar. Sich einem unsichtbaren Versteck zu nähern, fordert viele Schritte entlang von Grenzen. Erinnerungen und Wissen befruchten Ideen. Durch Mittel der bildhaften Sprache und durch das ständige Wiederkehren von Ideen vertiefe ich mein Suchen. «C’est l‘idée, qui fait l’art».

Haben die verschiedenen Reisen Sie als Person und Ihre künstlerische Tätigkeit beeinflusst?

Ich glaube, von jeder Reise viel für mein Schaffen profitiert zu haben. Die geologischen Formationen einiger USA-Canyons, die Steinlandschaften des Burren in Irland, die Bretagne und ihre Megalithenkultur waren mir echte Studienreisen.

Wie erholen Sie sich nach einer intensiven künstlerischen Tätigkeit? Was ist Ihr Ausgleich zur Kunst?

Ich lese gerne, nehme mir regelmässig eine Zeit der Stille. Ich versuche mich zu entspannen und Musik auf mich wirken zu lassen, mich einfach loszulassen und zu träumen vom Meer – von dem vielen Unfassbaren.

Sie sind in Graubünden geboren und aufgewachsen. Zieht es Sie ab und zu in die alte Heimat zurück?

Ja, sicher. Meine Wurzeln sind die romanische Muttersprache und ich pflege diese mit meinen Angehörigen und nehme jeden Tag Einsicht in «La Quotidiana». Auch besuche ich bei Gelegenheiten meine Spielplätze am jungen Rhein, aber auch Megalithe der Surselva.

Am 27. September 2016 wird Ihnen der Kultur-Anerkennungspreis verliehen. Sind Sie aufgeregt?

Ich freue mich sehr darüber.

Was möchten Sie den Schülerinnen und Schülern des Theresianums auf ihrem weiteren Lebensweg mitgeben?

Übt euch im Bildhaften, auch den Ausdruck mit Stift und Pinsel, ihr werdet der heutigen Flut visueller Angebote sensibler und kritischer gegenüber stehen.

Im Namen des Vereins Ehemalige und Freunde des Theresianums Ingenbohl möchte ich mich herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie sich für das Porträt im THEMA zur Verfügung gestellt haben. Ich wünsche Ihnen in Ihrem weiteren Wirken als Kunstschaffende weiterhin so viel Engagement und Erfolg.

Interview: Janine Gallicchio,

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